Es ist schon ein Hammer was man alles beim Unterrichten lernt und verarbeiten muss. Dafür ist es notwendig es tiefgründig, aufmerksam, bewusst, unvoreingenommen, auf den Menschen eingehend und empathisch zu machen. 

Ich unterrichte Gesang und Klavier. Gesang ist das erste Instrument. Der Klang, welcher direkt aus unserem Körper, direkt aus der Seele empor kommt.

Und es ist mit so vielen unbewussten Körperfunktionen verknüpft. 

Der Atem. Das Zwerchfell. Der Kehlkopf. Der Stand. Artikulation. Luftvolumen. Ausdruck. Gefühl. Verknüpfung mit Gefühl wenn das Denken aufhört. Und so vieles mehr. 

Nicht ohne Grund sind so viele beim Gesangsunterricht, vor allem beim ersten Mal wenn sie vorsingen, sehr unsicher. Scheu. Schüchtern. 

Weil sie etwas persönliches von sich preisgeben.

Gesang zu unterrichten ist etwas sehr fragiles. Man muss sich auf die Menschen einlassen. Ehrlich und zuhörend. Unterstützend. 

Ihnen helfen Ausdruck zu finden.

Wenn ich nach dem Unterrichtstag nach Hause komme, merke ich immer, dass ich mit dem Tagesinhalt noch sehr beschäftigt bin.

Es gibt auch immer wieder einige Schicksale, die mich mitnehmen und über die ich mir nach dem Unterricht noch Gedanken mache.

Diese Geschichten berühren mich. Und ich lerne jedes Mal was dazu. Es ist definitiv eine therapeutische Arbeit. Beide Seiten lernen. Immer. 

Das Vertrauen, das mir entgegengebracht wird ist ein Geschenk und ich missbrauche es nicht. Im Gegenteil. Ich bin sehr dankbar dafür. Weil gerade junge Menschen, in der Pubertät vor allem, sehr sensibel gegenüber ihrer Außenwelt sind.

Sie lernen gerade zu vertrauen und es ist sehr wichtig, ihnen das Gefühl zu geben das sie bei mir auf sicherem Terrain sind.

Ich bin ihr Freund zuerst. Mit freundschaftlichem Zugang und keinem autoritären im Sinne des Verhältnisses Lehrer Schüler. 

Autorität verschafft Kompetenz und nicht aufgezwängte Machtverhältnisse. Dies wäre ein armseliger Zugang. 

Menschen kommen oft zum Singen, weil sie sich Ausdruck verschaffen wollen. Etwas sagen wollen. Verarbeiten wollen. Hilfe brauchen.

Singen ist eine gute Art vieles aus dem Leben zu verarbeiten. Eine sehr natürliche Art. Aber auch sich aufzubauen. Sicherheit zu erlangen. Es wird auch aufs normale Leben übertragen. Klar. Wenn ich lerne, wie ich mich im Song ausdrücke, ausdrücken will, dann wird es auch aufs Auftreten von mir aus bei einem Bewerbungsgespräch, übertragen.

Ich lerne wie ich mich ausdrücken soll, besser gesagt, will! 

Ich lerne mich besser zu artikulieren. Mit der Atemluft handzuhaben. Den Stand. Den Ausdruck. 

Also geht Gesang viel weiter über die Grenzen des „nur Gesanges“ hinaus. 
So muss man das betrachten. 

Titelfoto aufgenommen von Thomas Hohlbein.

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